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Historie und Entstehung von Ungewissheitstoleranz und Unsicherheitstoleranz
Der Begriff der Ambiguitätstoleranz wurde erstmals 1949 geprägt und zwar ursprünglich von Else Frenkel-Brunswik in den USA. Seine große Bedeutung und breite Anwendung fand der Begriff dann allerdings im Kontext der kulturvergleichenden Psychologie. Insbesondere in der Forschung zur interkulturellen Kompetenz und zur Bewältigung von Fremdheit. Schon zu dieser Zeit wurde das Konzept genutzt, um den Umgang mit Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und widersprüchlichen Wert- und Verhaltenssystemen in interkulturellen Begegnungen zu beschreiben.
Ich wurde zum ersten Mal 2003 auf diesen Begriff aufmerksam, da ich in dieser Phase an zahlreichen Konferenzen zur kulturvergleichenden Psychologie und internationalen Kooperation teilnahm. Das Eintauchen in fremde Kulturen war schon immer mein Steckenpferd. Daher ist es kein Zufall, dass ich nicht nur privat viel gereist bin sondern auch über viele Jahre für meine Kunden in Asien, USA und Gesamteuropa im Einsatz war. Mich hat das Verstehen und die Entwicklung von interkultureller Kompetenz besonders fasziniert und der Begriff bzw. das Konzept von Ambiguitätstoleranz hatte mich von Beginn an gefesselt.
Der Begriff wurde dann von verschiedenen Psychologen benutzt, um das Konzept weiterzuentwickeln und für verschiedene Kontexte anzuwenden. Daraus entwickelt haben sich dann beispielsweise die Begriffe der Ungewissheitstoleranz und Unsicherheitstoleranz. Die Ungewissheitstoleranz als auch die Unsicherheitstoleranz beziehen sich speziell auf Unsicherheiten und Unvorhersehbarkeit und den souveränen Umgang damit. Beide Begriffe beschreiben die Fähigkeit, Unsicherheit und unklare Situationen auszuhalten, ohne übermäßig ängstlich oder gestresst zu reagieren.
Abgeleitet wurden beide Begriffe von der Ambiguitätstoleranz.
Vermutlich gibt es mehr Menschen, die ihr sixpack trainieren oder den Golf Abschlag als solche, die Ambiguitätstoleranz üben.
Dabei wäre genau die Ambiguitätstoleranz eine Kompetenz für viele Lebenslagen.
Was ist Ambiguitätstoleranz
Einfach ausgedrückt bedeutet Ambiguitätstoleranz die Fähigkeit im Alltag Situationen, die nicht eindeutig sind und daher als unsicher erlebt werden, nicht (sofort) zu beurteilen, nicht zu verurteilen, sondern offen damit umzugehen. Der wesentliche Aspekt ist hier: das nicht Verurteilen. Dies wird in der Psychologie und in der Kulturforschung als das wesentliche Kriterium angesehen.
Im wesentlichen bedeutet es:
- Aushalten von Unsicherheit und Mehrdeutigkeit
- Offenheit für neue Erfahrungen
- Konstruktiver Umgang mit Konflikten
- Fähigkeit zur Selbstreflexion und zum Perspektivwechsel
Speziell dieser Aspekt: Offenheit für neue Erfahrungen gilt als entscheidendes Erfolgskriterium für Auslandsentsendungen. Hier braucht es die Kompetenz bei kulturellen Mißverständnissen Ruhe zu bewahren, keine Abwertungen vorzunehmen und keine Abwehr oder gar diffamierenden Verhaltensweisen zu zeigen.
Menschen mit Ambiguitätstoleranz bleiben handlungsfähig, auch wenn sie den Eindruck haben, in der jeweiligen Situation nicht wirklich zu wissen, was hier gerade läuft und wie interpretiert werden kann.
Die vor allem im Westen übliche absolutistische Denkweise ist in der interkulturellen Zusammenarbeit fehl am Platz.
Aus der interkulturellen Forschung wissen wir auch, dass man die Ambiguitätstoleranz nicht automatisch entwickelt, wenn man reist oder wenn man als Expat in ein anderes Land geht. Ich kann das auch aus meiner Erfahrung in der Vor- /Nachbereitung von Expatriates auf ein anderes Land bestätigen.
Ein wesentliches Element ist neben der Offenheit die Selbstreflexion. Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass Menschen, die für einen gewissen Zeitraum – zumindest ein Jahr – in einer anderen Kultur gelebt und gearbeitet haben, per se eine gewisse Ambiguitätstoleranz entwickelt haben.
Nicht überraschend ist die Erkenntnis, dass Menschen, die nie (für längere Zeit) in einem Kulturraum gelebt und gearbeitet haben, diese Ambiguitätstoleranz kaum haben.
Diese findet man eher wenig ausgeprägt bei Menschen, die ausschließlich in ihrem eigenen Heimatland gelebt und gearbeitet haben.
Genau das habe ich häufig erlebt und gesehen, nicht nur bei Deutschen, sondern auch beispielweise hier in meiner Wahlheimat bei Mallorquinern, die nie im Ausland gelebt/gearbeitet haben. Und so können wir das auch bei anderen beobachten.
Mit anderen Worten: es ist kein deutsches Phänomen. Sondern hat etwas mit den eigenen Lebensbedingungen zu tun bzw. mit der eigenen Entwicklung und den Voraussetzungen, unter denen man lebt und arbeitet. Allerdings ist diese mangelnde Ambiguitätstoleranz natürlich dann besonders schwerwiegend, wenn sie gepaart ist mit Besserwissertum und moralischer Überheblichkeit. Das ist wiederum eine Eigenschaft, die wir ausgeprägt in Deutschland vorfinden und das Doppelpack mit nicht vorhandener Ambiguitätstoleranz kann eine sehr negative Wirkung haben.
Beispiele für Ambiguitätstoleranz aus dem Alltag
- Warteschlange am Flughafen
Stellen Sie sich einmal vor, Sie stehen am Flughafen am Check in und es gibt widersprüchliche Ansagen. Die Lautsprecheransagen werden einige Male geändert. Jemand, der ambiguitätstolerant ist bleibt ruhig, überlegt Optionen, improvisiert bei der weiteren Planung und überlegt für sich in dieser unklaren Situation pragmatische Lösungen. - Verschiedene Meinungen im Teammeeting
Wer kennt das nicht: im Meeting mit dem Team oder aber auch mit anderen Peers oder Stakeholdern werden unterschiedliche Sichtweisen formuliert. Manche erscheinen uns vielleicht komplett „daneben“. Das Wichtige ist jedoch andere Meinungen nicht einfach abzulehnen, sondern zuzulassen. Eine ambiguitätstolerante Person bleibt offen, hört beide Seiten an und sucht kreative Schnittmengen. - Kulturelle Mißverständnisse im Urlaub
Leider erlebe ich sehr häufig, wie insbesondere Deutsche im Urlaub – selbst auf der Baleareninsel aber auch anderswo auf der Welt– unfreundlich und besserwisserisch werden, wenn eine Situation für sie nicht genau so abläuft, wie sie das gerne hätten.
Beispielsweise wenn das Zeitverständnis vor Ort ein anderes ist. Oder wenn die Rituale beim Essen anders sind. Und manchmal einfach nur, wenn ein Kellner nicht deutsch spricht oder kein perfektes Englisch beherrscht. Solche Situationen empfinde ich als sehr peinlich und zum Fremdschämen. Manchmal biete ich mich in solchen Situationen an als Vermittler. Häufig aber auch nicht, wenn mir die Personen zu unangenehm sind. - Persönliches Erlebnis
Gerne teile ich auch noch ein persönliches Erlebnis. Bei einer Reise durch Yucatan/ Mexico mit einer befreundeten Kollegin und es war spät nachts in einem offenen Jeep hatten wir folgendes Erlebnis. Wir fuhren in eine bewaffnete Patrouille von Paramilitärs, sie standen einfach mitten auf der Landstrasse. Wir hatten nicht die geringste Vorstellung, was das soll und auch nicht was diese Jungs konkret kontrollieren wollten. Völlig unklar, mehrdeutig.
Mir war nur eines bewusst, nämlich dass die Situation für uns Frauen nicht ganz ungefährlich war und ungut ausgehen könnte im worst case. Zwei Minuten bevor wir angehalten wurden, verständigten wir zwei uns, dass wir komplett die Ruhe bewahren und dass ich für die „Moderation“ bzw. Antworten zuständig bin. Wir haben das gut überstanden, wenngleich während des „Interviews“, das sich wie eine Inquisition angefühlt hatte, die Situation angespannt war und alle bewaffnet mit Gewehren um uns herumstanden.
Ich bin sicher, dass uns nur diese innere Ruhe und Souveränität geschützt hat.
Wie lässt sich Ambiguitätstoleranz trainieren?
Bewusst andere Perspektiven einholen (und diese aushalten, nicht einfach ablehnen)
Die deutsche Gesellschaft hat sich leider in den letzten Jahren stark gewandelt. Nicht zum Guten. Polarisierung, Beleidigungen und Ächtung Andersdenkender sind an der Tagesordnung. Und ich nenne den Elefanten im Raum, den die sogenannten Leitmedien nicht nennen wollen sondern gerne tabuisieren, zumal sie ja leider auch selbst das Spiel mitspielen:
sowohl die Politik als auch die sogenannten alten Medien haben diese Polarisierung geschürt.
Wir waren in Deutschland davor schon einmal weiter in der Evolution, denn es gab davor eine Zeit, in der man sehr wohl dazu in der Lage war andere Meinungen anzuhören und auszuhalten.
Das muss wieder gelernt werden. Man darf sich nicht einfach durch die polit-mediale Kommunikation gegenseitig aufstacheln lassen. Hier ist jeder Einzelne darin gefragt und das geht nur mit Reflexion und Hinterfragen der politmedialen Informationen. Und es braucht das Training von Gelassenheit und den regelmäßigen bewussten Austausch auch mit Andersdenkenden, auch wenn es schwerfällt. Gerade dann!
Aushalten ungeplanter Situationen, z.B. Improvisieren Müssen im Alltag
Ungeplante Situationen gehören zum Leben. Sie lassen sich nicht verhindern sondern gehören zu dem, was man „Leben“ nennt.
Hier ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass es nicht unbedingt alle Informationen braucht, um eine Entscheidung treffen zu können. Vielmehr ist es wichtig (das ist übrigens eine elementare Führungskompetenz) sich in unklaren Situationen auf die Intuition zu verlassen.
Wenn man gar keine Erfahrungswerte in einem bestimmten Terrain hat, kann das schon mal schwierig werden mit der Intuition, das braucht dann etwas mehr Zeit, aber das kann man entwickeln. Zum Entwickeln der Intuition empfehle ich die Publikationen von Gerd Gigerenzer.
Reflexion über eigene Erfahrungen mit Stressmomenten und Grenzerfahrungen
Selbstreflexion ist das A und O. Das gilt nicht nur für Führungskräfte sondern ganz grundsätzlich für all diejenigen, die sich darin trainieren wollen, den inneren Raum zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern. Den Unterschied zwischen Auslöser/Trigger/Reiz und der eigenen Bewertung dessen sowie die emotionale Reaktion darauf trennen zu können. Das gilt es im ersten Schritt zu lernen. Darüberhinaus ist die Reflexion über eigene Trigger, eigene Werte und Erwartungen an Kommunikation, an Business, an Zusammenarbeit etc wichtig. Sich dies genauer anzuschauen und auch in Vergleich zu setzen zu Grenzerfahrungen. Hilfreich hierfür ist es dies zu einer Gewohnheit zu machen. Konkrete Fragestellungen nach bestimmten Situationen oder am Abend können hierfür hilfreich sein. Meditation, Journaling und vor allem in der ersten Phase ein professioneller Coach und Sparringspartner um für sich einen guten Weg und eine Strategie dafür zu finden.
Ohne Reflexion entsteht keine Ambiguitätstoleranz!
Ohne Reflexion entsteht keine Selbstführungskompetenz.
Erfahrungen mit anderen Kulturen suchen
Besonders hilfreich um seine eigene Ambiguitätstoleranz zu überprüfen ist es sich ins „kalte Wasser zu werfen“. Damit meine ich ganz bewusst in Kulturen zu reisen – idealerweise alleine! – um sich selbst in einem anderen Kontext zu erleben. Nämlich ein Kontext, in dem nichts mehr vertraut ist. Rein garnichts.
Andere Rituale, andere Verhaltensweisen, andere Do´s and Don´ts (die in der Regel zu Beginn garnicht wahrgenommen werden), andere Werte, andere Erwartungshaltungen an Kommunikation.
Wer sich dem bewusst „aussetzt“ wird Erfahrungen sammeln. Die Kulturforschung geht davon aus, dass kleine oder auch größere Kulturschocks in den ersten Wochen dazugehören. Meist treten diese jedoch erst nach einigen Wochen vehement auf (abhängig vom Kulturraum und der eigenen persönlichen Disposition). Denn zu Beginn überwiegt noch die Neugierde und der Forschergeist. Nach einigen Wochen jedoch beginnt die eigentliche Kulturschock Kurve. Auch hier ist es hilfreich und wichtig zu wissen, dass dies ein psychologisch normaler Prozess ist. Es ist einfach wichtig sich dessen bewusst zu sein und reflektiert damit umzugehen.
Wer daraus Learnings mitnehmen möchte und als Persönlichkeit reifen möchte, für den gehören Kulturschock Erfahrungen dazu. Das klingt erstmal seltsam. Und für manche vielleicht schlimm. Für manche ist es das aber auch garnicht. Aber de facto geht es darum, seine eigene Toleranz für Ambiguität zu erweitern. Und das passiert nun mal am besten wenn wir uns bewusst darauf einlassen. Und idealweise selbst suchen.
Vielleicht haben Sie sich beim Lesen dieses Beitrags bereits gefragt, wie es denn um Ihre Ambiguität steht. Sie können sich ja beispielsweise fragen, wann Sie bewusst das letzte Mal in einer unklaren nicht eindeutigen Situation waren und diese ausgehalten haben, ohne zu „judgen“, ohne lauthals zu bewerten, ohne zu eskalieren. Ohne den anderen „für komplett bescheuert“ zu halten und dies auch noch zu zeigen. Das heißt nicht, dass wir dann nicht auch irgendwann zum Schluss kommen können: das ist eine Begegnung mit jemandem, dessen Werte und Verhaltensweisen für uns einfach komplett daneben liegen und nicht akzeptabel sind. That´s possible. Auch ich erlebe das.
Ich möchte Sie abschließend gerne zu einer kleinen Challenge einladen, bei der Sie mit einer einfachen Übung Ihre Ambiguitätstoleranz trainieren können.
Nehmen Sie eine Woche lang jeden Tag eine Situation bewusst wahr, die für Sie unklar ist bzw. nicht eindeutig interpretierbar. Versuchen Sie keine vorschnelle Bewertung abzugeben. Weder innerlich noch äußerlich. No judging!
Darum geht es.
Fragen Sie sich stattdessen: Was kann ich aus dieser unsicheren Situation lernen? Achten Sie auch darauf, dass Sie sich selbst nicht bewerten. Beobachten Sie einfach nur Ihre Gefühle und Gedanken.
Versuchen Sie sich stattdessen in offenen Gesprächen, wenn Meinungen auseinander gehen. Stellen Sie Fragen, um ein besseres Verständnis zu bekommen. Gehen Sie spielerisch mit Informationen um, ein wenig mit dem Entdeckergeist eines Kindes. Und reflektieren Sie am Ende eines Tages kurz: Was habe ich heute im Umgang mit Unklarheiten über mich gelernt?
Abschließend und das meine ich ernst:
Ambiguitätstoleranz schützt vermutlich nicht nur vor spontanen Herzinfarkten bei chaotischen Meetings oder interkulturellen Mißverständnissen.
Sie macht uns flexibler, kreativer und auch entspannter.
Wenn ich mir die deutsche Gesellschaft und die Kommunikation aktuell in Deutschland so anschaue, dann ist mein Eindruck, das könnte nicht schaden.
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